Rückblick auf das Klassenspiel der 12. Klasse

 

moritz gabormle

 

„Frühlings Erwachen“

 

Vom Gefühl des Alleingelassenseins

1906 wurde Frank Wedekinds erstes großes Theaterstück „Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie“ in Berlin uraufgeführt. Das Stück war ein Skandal. Die Nöte pubertierender Jugendlicher in solcher Deutlichkeit auf offener Bühne zu verhandeln, grenzte für die Zensoren im von Disziplin und rigiden Erziehungsmaßnahmen geprägten Kaiserreich an Pornographie. Sie sahen darin, wie Wedekind selbst schrieb, „eine unerhörte Unflätigkeit“. Der Autor hatte den Text deshalb bereits auf eigene Kosten veröffentlichen müssen. Immer wieder wurden Aufführungen verboten. Bis das Berliner Oberverwaltungsgericht das Werk 1912 endgültig zur Aufführung freigab.Das alles ist rund hundert Jahre her. Was aber soll ein solches Stück Jugendlichen heute sagen, die in einer Zeit groß werden, in der alle Arten der Zurschaustellung von Nacktheit nicht mehr schockierend sondern nur noch auflagensteigernd wirken und auch noch die intimsten Details zu jeder Tages- und Nachtzeit in irgendeinem Fernsehkanal oder Internet-Forum breit getreten werden?

 

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Erstens gibt es, Umfragen der letzten Jahre zufolge, auch heute noch eine erstaunlich große Zahl von Jugendlichen, die kaum aufgeklärt sind, und gerade weil vermeintlich jeder alles weiß, niemanden haben, mit dem sie über die eigenen Unsicherheiten sprechen können. Zweitens, das schreibt die Theatertruppe in ihrem knappen und informativen Programmheft selbst, ist der Alltagin Familie und Schule immer wieder geprägt von Missverständnissen und von Schwierigkeiten „richtig miteinander“ zu reden. Die Schüler interessierte deshalb an dem Stück besonders das Gefühl des „Alleingelassenseins“, das es „auch und gerade in einer Zeit der Überflutung durch Kommunikationsmedien“ noch genauso gibt. Und drittens muss man die Aufführung gesehen haben, um zu erfahren, wie nah einem der Stoff gehen kann, wenn Darsteller so nahtlos in ihren Rollen aufgehen, wie es den Schülern der 12. Klasse gelungen ist. Das also vorweg: Die Schüler beantworteten mit ihrem Spiel die Frage nach der Aktualit ät des alten Stoffes absolut stimmig und sehr berührend.

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Eine Talk-Runde zum Thema „Medienkonsum von Jugendlichen, Gefahr oder Chance?“ wie sie im Fernsehen allgegenwärtig ist. Experten ergreifen das Wort, Vertreter dezidierter Meinungen ereifern sich, vermeintlich das Für und Wider einer Sache abwägend. Nur weiß der Zuschauer nach kürzester Zeit eigentlich gar nicht mehr, worüber eigentlich gestritten wird. Denn in Wirklichkeit geht es, egal welche Meinung einer vertritt, um bestmögliche Selbstdarstellung. Ist der von der Dramaturgie angefügte Einstieg in die Inszenierung Satire oder eher die drastische Aufzeichnung medialer Wirklichkeit?

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Viel später im Text von Wedekind gibt es eine Parallele zu dieser Eingangsszene. Die Lehrerkonferenz. Karikaturen von Lehrertypen sollen Beschluss fassen über das Schicksal eines ihrer Schüler. Tatsächlich aber ist jeder mit dem eigenen Wohl und Wehe beschäftigt. Man diskutiert über das Öffnen und Schließen von Fenstern, rückt sich ins rechte Licht, herrscht oder duckt sich, verliert sich in Geplänkel. Herrlich, wie die Schüler die Überzeichnung der Figuren genüsslich ausspielen und zugleich menschliche Grundmuster freilegen. Eine Szene zum Aufatmen und Lachen in dem schweren Stoff und am Ende doch zutiefst deprimierend. Denn egal ob Talkshow oder Lehrerkonferenz, beide Male geht es nicht um die Jugendlichen oder den einzelnen Schüler, sondern jeder Erwachsene ist eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt und keiner schafft es, den Blick über den eigenen Tellerrand zu heben.

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An dieser Stelle muss die Regie von Elisabeth Gööck in Zusammenarbeit mit dem Ensemble sehr gelobt werden. Die Szenenfolge war so fein und dramaturgisch klug aufeinander abgestimmt, dass es keinen Moment nachlassender Spannung gab. Ihr Mann Ben Büttner unterstützte sie als Dramaturg. Gegenwartsbezug stellte sich ohne erzwungene Aktualisierung durch fast beiläufige Dreingaben her, etwa in Form von Laptops, an denen die Schüler zwischendurch Fetzen von Kommunikation ins Dunkle sprachen. Auch die Kostüme von Andrea Wetzel fügten sich ein in ihrer Mischung aus „altmodisch“ und topaktuell. Die Inszenierung nutzte die vorhandenen Räumlichkeiten phantasievoll. Genannt sei nur die Discoszene im Foyer: Nebel quillt durch die Türen zum Festsaal und laute Musik, nur durch die Glasscheiben sieht das Publikum tanzende Jugendliche, der Festsaal selbst wird zum Vorplatz der Discothek, in dessen dunklen Ecken sich dann einzelne Szenen abspielen. Die Beleuchtung von Dario und Simon (Kl. 9) sorgte zusätzlich für die passende Atmosphäre. Die ebenso minimalistischen wie deutlichen Kulissen und Bühnenteile von Herrn Narimanaschwili und Herrn Seefried ermöglichten eine enorm bewegliche Nutzung des ganzen Saales samt Galerie und Vorraum.

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Vor allem aber arbeitete Elisabeth Gööck mit den Schauspielern, unabhängig vom Umfang der Rolle, offensichtlich sehr genau und intensiv. In „Frühlings Erwachen“ geht es um in jeder Richtung heftige Gefühle. Um Mut zum Aufbruch, um Angst vor Erstarrung, um abgrundtiefe Unsicherheiten, verschwurbelte Obsessionen, lebensrettende Hoffnungen, tödliche Einsamkeit. Eine Darstellung, die über das Spielen solcher Gefühlslagen nicht hinauskommt, kann leicht peinlich werden. Hier jedoch schienen sämtliche Darsteller selbstverständlich in ihrer Rolle/ihren Rollen verankert. Man merkte ihnen an, dass sie (vielleicht auch Dank ihrer früheren Klassenlehrerin Frau Kern und der Zirkusleidenschaft ihrer beiden Betreuer Frau Idler und Herr Koekebakker) auf der Bühne groß geworden sind.

Kathrin Kramer (E)

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