Höhlenexkursion im Schweizer Jura (2002/03)

 

Zur Geologie-Epoche der Mittelstufe

7.klasse vor dem einstieg in das nidlenloch

Foto: Eine 7. Klasse vor dem Eingang ins Nidlenloch

 

Schon seit einigen Jahren bildet eine Exkursion in das Nidlenloch den krönenden Abschluss der Gesteinskunde-Epoche unserer 7. Klassen.

Das Nidlenloch im Weissenstein, dem Hausberg der Stadt CH-Solothurn, ist die tiefste Höhle im Schweizer Jura. Erstmals erwähnt wurde sie in der Literatur Anfang des 19. Jahrhunderts, der lokalen Bevölkerung war sie aber vermutlich schon weit früher bekannt. Das Alter der Höhle wird auf ca. eine Million Jahre geschätzt. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Höhle in über sechzig Vorstößen weiter erforscht. Dabei konnte eine Tiefe von 396 m unter dem Eingang erreicht werden, was die weltweit tiefste Höhle bedeutete, die zu dieser Zeit bekannt war. Weitere Erforschungen setzten erst wieder 1975 ein. In zehn Jahren konnte die Höhle durch systematisches Absuchen und einige kleinere Grabeinsätze auf 7,5 km verlängert und die Höhendifferenz auf 418 m gesteigert werden. Das Nidlenloch befindet sich in den nach Norden abfallenden Kalkschichten im Nordschenkel des Weissensteins. Die Gänge fallen entsprechend dem Schichtverlauf nach Norden ab (besonders schön sichtbar im Eingangsteil) oder folgen dem west-östlichen Streichen der Schichten. Namentlich im mittleren Teil der Höhle hat sich ein teilweise labyrinthisches Horizontalsystem entwickelt, aber auch in anderen Partien des Nidlenlochs gibt es Ansätze von fossilen Gangnetzen. Es finden sich nur lokal oder temporär kleine Rinnsale, die bekannte Höhle hat mit der heutigen Karstentwässerung nur am Rande etwas zu tun. Große Wassereinbrüche sind im Nidlenloch nicht zu befürchten. Der so genannte „Trockensee“ kann nach extremen Nassperioden jedoch für einige Stunden unbegehbar werden, was ca. einmal pro Jahr vorkommen mag. Die generell kleinen bis mittelgroßen Gänge sind, entsprechend dem vermutlich hohen Alter des Nidlenlochs, recht oft von Verstürzen und lokal von verlehmten Senken geprägt. Trotz der großen Höhendifferenz sind Schächte nicht allzu häufig und maximal 20 m tief, größere Hallen und auch Tropfsteinschmuck sind selten.

 

nidlenloch33h

 

Das Nidlenloch spielt in gewissem Sinne die Rolle einer "Opferhöhle". Durch die Konzentration auf eine Höhle können andere, weniger beachtete Höhlen umso besser geschützt werden. Im Prinzip braucht es keinen Höhlenführer, um das Nidlenloch zu besuchen. Jeder kann und darf das Nidlenloch auf eigene Faust erkunden. Mit etwas Erfahrung und Sorgfalt kann man sich im Nidlenloch selber und doch recht sicher orientieren. Die besondere Schwierigkeit liegt darin, dass Höhlenteile, die auf verschiedenen Ebenen liegen, in den Plänen aber auf einer einzige Fläche dargestellt werden müssen, was bei komplizierteren Gängen recht verwirrend sein kann. Der vordere Teil des Nidlenlochs ist verhältnismäßig einfach begehbar. Nebst einigen kurzen Kletterpassagen ist das Planlesen ein weiteres Problem, da die Höhlengänge ein wirres Labyrinth darstellen, das genau studiert sein will, um sich orientieren zu können.

Wichtig ist auch, dass man sich nicht überschätzt und richtig ausgerüstet ist! Dazu gehört: gutes Schuhwerk wie Berg- oder Trekkingschuhe, Helm mit montierter Stirnlampe (damit man beide Hände zum Klettern frei hat!), Reservebatterien und Ersatzbirne, warme Kleidung für eine ganzjährige Temperatur um 5° Celsius, Seil, Trittleiter, evtl. Handschuhe und Knieschoner. Zum Glück passieren - im Verhältnis zur Besucherzahl - sehr wenige Unfälle im Nidlenloch. Dennoch birgt diese Höhle einige Gefahren. Eine Nidlenlochtour lässt sich mit einer Bergtour vergleichen. Leichte Misstritte oder Stürze können nebst schlechter Ausrüstung, Verirrung und ausfallendem Licht fatale Folgen haben.

 

in kienzelbachs fallFoto: in Kienzelbachs Fall

 

Auch Kinder können in Begleitung von Erwachsenen eine Begehung getrost wagen. Für sie ist jedoch nicht der Besuch eines bestimmten Zielpunktes der Höhle wichtig, sondern dass sie überhaupt einmal „Höhlenluft“ schnuppern wollen. Weniger ist mehr - man sollte weder sich selbst noch die Kinder überfordern. Für diesen Ausflug sollte genug Zeit eingeplant werden. Es wird empfohlen, vorgängig das Nidlenloch ohne Kinder auszukundschaften und sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen

Die Höhle kann nur während der Öffnungszeiten des Berggasthofs „Hinter-Weissenstein“ (www.hinterweissenstein.ch) besucht werden. Dort hat der verantwortliche Leiter vor jedem Höhlenbesuch die Anmeldung vollständig auszufüllen. Dabei ist die Anzahl der Teilnehmer, das genaue Ziel und die Dauer der Begehung anzugeben. Sollten die Höhlenbesucher zum angekündigten Zeitpunkt nicht wieder aus der Höhle sein, wird eine Rettungsmannschaft benachrichtigt.

In unserem Fall erfolgt die Begehung in 5 Gruppen von jeweils 7-8 SchülerInnen und 2-3 Erwachsenen, die in Abständen von 15 Minuten in die Höhle einstiegen. Dies zum Teil aus Sicherheitsgründen, vor allem aber auch, um so den kleineren Gruppen ein eindrucksvolles „Höhlenerlebnis“ zu ermöglichen. Dies bedeutet: vollständige Dunkelheit (bei ausgeschalteten Stirnlampen) und nahezu unerträgliche Stille.

 

abstieg in die forsterhalle
Foto: Abstieg durch den Forsterschacht

 

Was wird mich wohl hinter der kleinen Pforte am Eingang erwarten? Wie weit mag sich diese schmale Felsspalte im Berg weiterziehen? Wie eng wird es wohl werden? Bringe ich meinen Körper überhaupt durch jede enge Stelle? Werde ich eventuell von Ängsten gequält? Bestehen große geheimnisvolle Hallen? Werde ich sogar Tropfsteingebilde entdecken? Wie schwierig ist das Fortbewegen dort drinnen? Muss ich etwa durch Wasser gehen oder auf dem Bauch liegend durch enge Löcher kriechen? Wie weit kann ich in der vorgesehenen Zeit vordringen? Habe ich genug Licht? Wie verhalten sich meine Freunde? Wie findet man den Weg? Ja, wie finde ich letztendlich überhaupt wieder hier heraus?

Das mögen einige der Fragen sein, die jeden vor dem Einstieg bewegen oder gar beunruhigen. Einige Kinder und Erwachsene ziehen es denn auch jeweils vor, im Tageslicht zu bleiben und das Alpenpanorama von der Terrasse des nahe gelegenen Gasthofes zu bewundern. Denn zum Ein- und Abstieg in die Höhle sollte unter keinen Umständen genötigt oder gar gezwungen werden. Diejenigen, welche über der Erde bleiben, haben Zeit und Gelegenheit auf gut ausgeschilderten Wegen durch eine herrliche Kalklandschaft zu wandern und im Tal die wunderbar mäandernde Aare zu bestaunen.

 

nidlenloch  2003 031

Foto: ein ehemaliger Schüler als Begleiter

 

Schon kurz nach dem etwas kritischen Einstieg am Seil lässt sich eine geheimnisvolle, ja gar märchenhafte Unterwelt mit überaus vielfältigen Formen erahnen. Der große Höhlenbauer Wasser hat hier in Jahrtausenden ganze Arbeit geleistet. Erosion (fließendes Wasser), Korrosion (chemische Auflösung des Kalks) und anschließende Inkasion (Versturz, Deckenbruch) dürften die großen Erbauer sein. Sie haben unterirdische Räume geschaffen, die heute so phantasievolle und zum Teil sehr treffende Namen tragen wie: Jungfernschlupf, Narrengang, Sauschwänzli, Trockensee, Regenhalle, Teufelsgang, Gaunerloch, Zwetschgenstein, Satansstein, Höllschlucht, Hoffnungsschlupf, s’Paradiesli, Briefkasten, Goliathschlupf, Rübezahlkurve, Tatzelwurm usw. .

 

vor dem jungfernschlupf

Foto: vor dem "Jungfernschlupf" ......

 

 

im jungfernschlupf

Foto: ... und auf dem Bauch durch den "Jungfernschlupf"

 

Sehr interessant ist die Oberflächensinterung aller Wände, denn der gewachsene Jurafels ist nur an sehr wenigen Stellen sichtbar. Wie lange hat es wohl gedauert bis diese Gebilde in ihren heutigen Formen entstanden sind? Wächst ein Tropfstein in hundert Jahren doch höchstens ein paar Millimeter.

An mancher Stelle kommen wir nur weiter, indem wir uns zwischen zwei Felsschichten gleichsam hindurchschlängeln, an anderer gilt es Felsstürze, steil und tief abfallende Schächte an Seil oder Trittleiter zu überwinden. Da muss schon aller Mut zusammengenommen werden. Im so genannten Labyrinth darf man keinem Gang so recht trauen, auch wenn er noch so einladend aussieht. In fünf „Stockwerken“ liegen sie hier übereinander. Da muss erst mancher Irrgang erkundet und als solcher erkannt werden. Nach gut 2 ½ Stunden und in einer Entfernung von 561 Meter vom Eingang lässt sich in 146 Meter Tiefe die Forsterhalle erreichen. Von dort aus sind für den weiteren Weg Bergsteigerausrüstung und –kenntnisse ein absolutes Muss.

Der Aus- oder Aufstieg ist schließlich weitaus kräfteraubender als der Abstieg. Daher gilt es hierfür ausreichend Zeit- und Kraftreserven einzuplanen. Nach knapp 5 Stunden unter Tage kehren schließlich auch die letzten erschöpft aber wohlbehalten ans Tageslicht zurück, bereichert um ein einmaliges und buchstäblich „tief“ beeindruckendes Höhlenerlebnis.

 

gut behuetet
 
Foto: ... gut "behütet".

 

Die verschiedenen pädagogischen Aspekte und besonderen Herausforderungen einer Höhlenbegehung

In einer unausgebauten Höhle wie dem „Nidlenloch“ vermag kein Geräusch und kein Lichtstrahl von draußen hereinzudringen. Auf diese Weise isoliert, wird jeder Sinneseindruck viel intensiver wahrgenommen. Das Auge kann sich nur auf das konzentrieren, was unmittelbar im Lichtkegel der Lampe erscheint. Jeder Gang, jede Halle sieht völlig anders aus und ein schier unerschöpflicher Formenreichtum beschäftigt das Auge. Bei ausgeschalteten Stirnlampen wird eine Dunkelheit und Finsternis erlebt wie sonst in keiner Nacht und in kaum einem Keller. Versinterungen und Tropfsteine der verschiedenen Farben und Formen bedürfen einer Erklärung und ihre Bedeutung wird erst durch das Wissen über Entstehung und Alter nachvollziehbar. Das Ohr nimmt, für manche vielleicht sogar zum ersten Mal im Leben, eine absolute Stille wahr, die nur unterbrochen wird durch die Laute des eigenen Atems und Herzklopfens. Tief im Innern der Erde befindet man sich in einer anderen Wirklichkeit. Doch die "Erlebniswelt Höhle" beschränkt sich nicht nur auf Wahrnehmungs- und Bewußtseinserfahrungen.

 

am sauschwaenzli
 
 
Foto: am "Sauschwänzli"

 

Jede Höhle stellt ihre "ErforscherInnen" vor Probleme, deren Bewältigung sie nicht nur immer weiter in den Berg vordringen, sondern auch mit einem gesteigerten Maß an Selbstbewusstsein zurückkehren lässt. Dabei ist eine Höhlenbegehung grundsätzlich (allein schon aus Sicherheitsgründen) auch immer eine Gruppenaktion. Schwierige Passagen können nur gemeinsam überwunden werden und das Geborgenheitsgefühl in einer Gruppe ist angesichts der psychischen und physischen Belastungen besonders intensiv. Die Tatsache, dass eine Höhlentour nicht nach Lust und Laune abgebrochen werden kann, sondern das auf jeden Fall der Ausgang wieder erreicht werden muss, fordert der Gruppe und jedem einzelnen viel Planungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit ab. Kräfte müssen eingeschätzt und die Wegstrecke so gewählt werden, dass auch der Schwächste mit den notwendigen Reserven sicher den Ausgang wieder erreicht.

 

 

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Foto: Nur noch ein paar Meter ...

 

Diese intensiven Erfahrungen machen aber auch sensibel für ein solches Ökosystem. Meist bringen die Teilnehmer einer Höhlentour geringe spezifische Kenntnisse, aber ein hohes Maß an Wissbegierde mit. Hierin besteht eine große Chance, die Teilnehmer zu einem nachhaltigen, umweltgerechten Verhalten zu motivieren, denn die Übertragbarkeit auf andere Ökosysteme liegt recht nah.

 

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Foto: .... wieder am Tageslicht!

 

Weitere Informationen zur Höhle auch im Internet unter: www.nidlenloch.ch

 


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